Koregulation



Auch: Ko-Regulierung, Koregulierung
Gegenteil: Selbstregulierung


Das Konzept der Koregulation („Co-regulation) ist wenig bekannt, spielt aber eine bedeutende Rolle. Unsere Gefühle regulieren wir durch Selbstregulation und durch Koregulation. Selbstregulation bedeutet, dass wir alleine unsere Gefühle regulieren, und Koregulation bedeutet, dass andere uns helfen, unsere Gefühle zu regulieren. Koregulation kann man sehr klar bei Eltern sehen, die ihren weinenden Säugling beruhigen. Sie schauen ihrem Säugling in die Augen, streicheln ihn, wiegen ihn, singen für ihn – sie regulieren seine Gefühle. Auch als Erwachsene helfen andere uns, unsere Gefühle zu regulieren.


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Es ist für uns ungewöhnlich, allein zu sein und alleine unsere Gefühle zu regulieren. Und, wenn man sich die Bevölkerung ansieht, dann leben Menschen auf ganz unterschiedliche Weisen - aber die Konstante ist, dass wir überall irgendwie mit anderen Menschen leben. Wir regulieren uns gegenseitig - das ist die einfache Art, uns selbst zu regulieren, es passiert ganz natürlich.


Robert Chialdinis hat diese Theorie der sozialen Validierung pioniert und erklärte, dass, wenn wir uns nicht sicher sind,  wir uns an andere wenden, um uns zu leiten oder zu validieren. Und das tun wir automatisch und unbewusst. Dies passiert nicht nur, um uns zu helfen, ein Problem zu lösen oder uns aufzumuntern, sondern auch, um uns bestätigt zu fühlen. Wenn wir uns unsicher sind, dann fühlt es sich gut an, validiert zu werden – also von jemand anderem gesagt zu bekommen, dass wir nicht verrückt sind und dass der andere versteht, dass es eine beängstigende Situation ist.

Im Kontext einer Partnerschaft kann es auch sein, dass dein Lieblingsmensch genau in einer stressreichen Situation auf dich zukommt und nach empathischem Mitgefühl sucht, um eine Bestätigung zu finden, dass 'mein Lieblingsmensch für mich da ist, wenn ich ihn brauche, dass sie an meiner Seite ist'. In diesem Moment empathisch und liebevoll zu reagieren, kann dem Lieblingsmenschen genau das signalisieren, was er braucht. Nämlich: 'Ich bin für dich da, wenn du mich brauchst'.

Der Psychologe Dr. James Coan hat Menschen in einen MRT-Scanner gelegt, um deren Gehirnaktivität zu beobachten, während sie elektrische Schocks bekommen. Wenn ein anderer ihre Hand hielt, war die emotionale Region im Gehirn, wie der Hypothalamus, die Insula, und der ACC, weniger aktiv – die Berührung durch eine andere Person hat uns ermöglicht, unsere Gefühle zu regulieren. Diese Regulation ist, wie Dr. Sue Johnson herausgefunden hat, besonders wirksam bei glücklichen Paaren, die sich verbunden fühlen. Diese soziale Regulation der Gefühle scheint auch eine einfachere, weniger energieverbrauchende Art zu sein, uns zu regulieren, als Selbstregulation.

Selbstregulation ist ein Thema, das in der psychologischen Forschung viel untersucht wurde und generell über den präfrontalen Kortikalis gesteuert wird. Der präfrontale Kortikalis ist die Region in unserem Gehirn, die direkt hinter unserer Stirn sitzt und, pauschal gesagt, der Sitz unserer Selbstdisziplin ist. Der präfrontale Kortikalis wird in Momenten der Selbstregulation aktiv und reguliert die Gehirnaktivität in den Regionen im Gehirn, wo Gefühle entstehen, wie dem Hypothalamus. Bei sozialer Regulation wie im Beispiel des Experimentes, bei dem jemand die Hand der Textperson im MRT-Scanner hält, während dieser elektrische Schocks bekommt, wurde erwartet, dass der Regulationsmechanismus eine Zunahme der Aktivität im präfrontalen Kortikalis sein wird, die die Aktivität in den affektiven Hirnregionen wie Hypothalamus, Insula und ACC verringern wird – denn auf diese Weise funktioniert der Selbstregulationsmechanismus. Aber nein! Der präfrontale Kortikalis war weniger aktiv, es passierte nichts im präfrontalen Kortikalis oder in einer anderen Region, die möglicherweise die regulatorischen Auswirkungen der emotionalen Regionen vermittelt hätte. Es gab keine Mediatoren der Regulation. Dies führte Dr. James Coan zu der Annahme, dass die normale Funktionsweise des Menschen (der natürliche Grundzustand) darin besteht, dass es normal ist, dass wir uns in einer Gruppe befinden. Es ist für uns ungewöhnlich, allein zu sein und alleine unsere Gefühle zu regulieren.

Und, wenn man sich die Bevölkerung ansieht, dann leben Menschen auf ganz unterschiedliche Weisen - aber die Konstante ist, dass wir überall irgendwie mit anderen Menschen leben. Wir regulieren uns gegenseitig - das ist die einfache Art, uns selbst zu regulieren, es passiert ganz natürlich. Keines der Selbstregulationssysteme im Gehirn ist für die soziale Regulierung der Gefühle des jeweils anderen relevant. Wir kennen den genauen Mechanismus der sozialen Emotionsregulierung noch nicht, aber es sieht so aus, als ob Selbstregulierung die energiestehlendere und schwierigere Methode zur Regulierung unserer Emotionen ist - bei der Selbstregulierung brauchen wir so viel Aktivität in unserem Gehirn im präfrontalen Kortikalis, um die emotionalen Regionen herunter zu regulieren. Bei der Koregulation brauchen wir das nicht. Wir erleichtern also die Regulierung unseres Lieblingsmenschen, indem wir ihm zeigen, dass sie nicht allein ist. Wir scheinen ihm zu vereinfachen, seine Gefühle zu regulieren. Es ist naheliegend, dass unser Lieblingsmensch unser empathisches Mitgefühl aufsucht, weil es so anstrengend ist, sich selbst zu regulieren, und er unsere Präsenz braucht, damit ihm das einfacher gelingt. Empathisches Mitgefühl zur Validierung und zur positiven Antwort auf die instinktive Frage: „Ist mein Lieblingsmensch für mich da, wenn ich ihn brauche?'