Tun wir uns denn wirklich gut?

Ich bin seit einem halben Jahr in einer wunderbaren jungen Beziehung, die aber zu entgleiten droht. Mein Nähebedürfnis (zeitlich wie physisch) ist wesentlich größer, als das ihre und sie neigt dazu, Probleme lieber mit sich auszumachen, während ich dann erst Recht Nähe herstellen will und dabei starke Angst empfinde, die mich auslaugt. Immerhin sind wir dabei, die „Polkas“ zu erkennen und zu fassen…

Ich spüre aber, wie mich die Situation immer mehr überfordert und ich mich frage, ob wir uns denn wirklich gut tun können. In anderen Theorien zu Bindung wird oft darauf hingewiesen, dass sich nicht zu entgegengesetzte Bindungsstile zusammen finden sollen – sie hätten keine Chance und es wäre immer mit heftigem Leiden zu rechnen.

Meine Fragen sind nun:

1) Gibt es in der EFT auch diese Annahme oder ist das dann eine persönliche Frage der Paare, die sich nicht generell klären lässt? Welche Rolle spielt das generelle Bedürfnis nach Nähe und Distanz in Addition zum reaktiven Verhalten in Krisen?

2) Ab wann sind die Partner ggf. überfordert – sollten besser ihre Beziehung nicht fortsetzen?

3) Gibt es dazu unterstützende Tests oder Literatur abgesehen von „Halt mich fest“?

Verfangen in eine Protestpolka

Vielen Dank für deine klare und wichtige Frage. Wenn wir dich richtig verstehen, verfangt ihr euch in eine Protestpolka, worin du aus deinem Bedürfnis nach Nähe und Verbundenheit auf deine Freundin zugehst. Deine Freundin sich zurückzieht, weil es sich für sie besser anfühlt alleine mit Problemen klarzukommen. Und stimmt es, das euer Verhalten durch eure Bindungsstile angefeuert wird, wo du eher zu einem unsicheren ambivalenten und deine Freundin zu unsicherem vermeidenden Stil tendiert?

Zu deinen Fragen:

Je größer der Unterschied

Der Bindungstheorie zeigt das alle Menschen ein Bedürfnis nach Nähe und Verbundenheit haben, von der Wiege bis zu Bahre. Es macht uns Menschen glücklich, wenn wir es schaffen uns mit einem oder ein paar wichtigen anderen zusammen zu finden. Gerne auch lebenslang. Das Bedürfnis nach Distanz oder die Angst sich zu binden ist, wenn wir tiefer nachspüren, eine Angst vor toxischen, negativen Mustern, die in einer Beziehung entstehen können. Menschen, die mit ihren Eltern oder Ex-Partnern schon toxische Muster erlebt haben, haben eine größere Chance so eine Angst zu entwickeln. 

Im Allgemeinen finden Menschen sich zusammen, die ähnlich resilient / sensibel sind. In der Liebe wählen wir außerdem gerne jemanden, mit einer gegensätzlichen Art, um mit Stress umzugehen: Ein Partner tendiert mehr zu Aktivierung und der andere mehr zu Dissoziieren. Die Kombi macht Sinn, weil es für uns als Paar stabiler ist, mit unterschiedlichen Strategien auf stressvolle Situationen reagieren zu können.

Je größer der Unterschied zwischen uns, desto größer das Wachstumspotenzial in unserer Liebesbeziehung. Wenn es uns gelingt positive Muster zu kreieren, können wir aneinander wachsen und eine sehr tiefe Verbundenheit leben. Unser Unterschied ist dann ein Geschenk, das uns viel Freude und Weisheit verschaffen kann.

Je größer der Unterschied zwischen uns, desto größer auch die Chance uns in negativen Mustern zu verfangen. Weil Liebe und Bindung für uns Menschen so wichtig sind, kann unser negatives Muster wirklich an das Eingemachte gehen und uns verzweifelt und hoffnungslos hinterlassen. Solange wir beide aber diese Beziehung wollen und als Team zusammenarbeiten, gibt es ein Weg da raus. Dieser Weg ist nicht einfach, und wenn wir in unsere Kindheit oder auch später Trauma erlebt haben, kann es ein langer Weg sein, aber es lohnt sich. Am Ende ist Liebe, das, was uns Menschen am meisten Freude bereiten kann.

Wann tun wir einander nicht gut

Ein negatives Muster ist überfordernd, weil es unser Verhalten auf reaktive Emotionen beschränkt und es oft nur schwer möglich ist, darunter zu tauchen. Wir sagen nicht schnell: „Ich fühle mich leer und traurig, wenn ich keine Verbundenheit mit dir spüre. Weißt du, du bist der erste Mensch, bei dem ich mich wirklich gesehen, gewertschätzt und gehalten gefühlt habe. Wenn mir das unvorbereitet fehlt, falle ich in ein tiefes Loch. Ich spüre die Angst, das, was mir so wichtig ist zu verlieren – dich zu verlieren.“ Wir sagen eher verärgert: „Warum fragst du mich nicht, ob ich dir helfen kann? Du gibst mir keine Chance. Du bist immer so auf dich selbst bezogen und vermeidest mich.“ Zu entdecken, was eure reaktiven und Kernemotionen sind, und darüber LOVE Gespräche zu haben, ist ein wichtiger Schritt.

Manchmal ist es aber schwer unsere Kernemotionen zu entdecken. Am meisten, wenn Scham dafür sorgt, dass diese Emotionen schwer wahrzunehmen sind. Dann brauchen wir, dass wir da sind für einander, mutig bleiben und nicht unsere Geduld verlieren. Also ja, ihr tut euch wirklich gut, wenn ihr spürt, dass ihr in eurer Beziehung vorankommt. Auch, wenn es sehr langsam geht.

Nur wenn ihr über längere Zeit auf der Stelle tretet und es nicht schafft aus dem toxischen Muster auszusteigen oder wenn keine Gefühle von Liebe und Verbundenheit mehr da sind, dann tut ihr einander nicht gut. Dann wäre es gut euch als Paar Hilfe zu suchen oder eine Trennung in Betracht zu ziehen. Und ja, das ist eine persönliche Entscheidung für jedes Paar.

Ein Geschenk fürs Leben

Also EFT würde sagen: Wenn sehr entgegengesetzte Bindungsstile zusammen finden – haben sie eine große Herausforderung nicht in toxische Muster und heftiges Leiden zu verfallen. Wenn sie es aber schaffen, als Team zusammen aus dem toxischen Muster auszusteigen, positive Muster zu gestalten und tiefe Liebe zu kreieren, geben sie einander ein Geschenk fürs Leben.

Neben „Halt mich fest“ gibt es auch das Buch „Wir Beide: Das Arbeitsbuch zur Emotionsfokussierten Paartherapie“, das viele Hilfestellungen und Übungen bietet.  Ein wichtiges Buch um unser Verhalten und das von anderen zu verstehen ist, „Was ist mit dir passiert?“ von Oprah Winfrey und Dr. Bruce D. Perry. Dieses Buch wird wahrscheinlich erst 2022 ins Deutsche übersetzt. Der Klassiker „Das Kind in dir muss Heimat finden“ und das Buch  „Vom Jein zum Ja!“ mit Bindungsstile als Thema, beide von Stefanie Stahl sind für viele Menschen auch hilfreich, um sich selbst kennenzulernen.

Wir hoffen, dass unsere Antworten euch weiterhelfen. Schreibe gerne, wenn weitere Fragen auftauchen.

Liebe Grüße

Lovie

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